
Le Piane
Boca, Alto-Piemonte, Italien
Le Piane ist Christoph Künzlis Lebenswerk in Boca, einer fast vergessenen Appellation im nördlichen Piemont. 1988 entdeckte er auf einen Tipp von Paolo de Marchi hin die Weine von Antonio Cerri und erkannte zusammen mit Alexander Trolf das gewaltige Potenzial dieser alten Nebbiolo-Region. Aus Cerris letzten Reben, einem alten Keller, viel Wildnis und noch mehr Sturheit entstand eines der prägenden Weingüter des Alto Piemonte.


Meridiana, alter Keller und viel Geschichte: Le Piane begann nicht als fertiges Weingut, sondern als Rettungsaktion für Boca.
Boca, Antonio Cerri und der Anfang von Le Piane
Als Christoph Künzli 1988 auf einen Tipp von Paolo de Marchi nach Boca kam, war diese alte Weinregion fast verschwunden. Boca liegt im nördlichen Piemont, am Rand der Alpen, umgeben von Wald, Porphyrböden, alten Terrassen und einer Geschichte, die viel grösser war als ihre damalige Gegenwart.
Früher war das Alto Piemonte eine bedeutende Weinlandschaft. Doch nach Krieg, Industrialisierung und Abwanderung wurden viele Rebberge aufgegeben. Wald und Brombeeren holten sich zurück, was einst Rebland gewesen war. Boca blieb auf der Karte, aber im Glas fast nur noch als Erinnerung.
In dieser Situation traf Christoph zusammen mit seinem Freund, dem Önologen Alexander Trolf, auf Antonio Cerri. Cerri war einer der letzten grossen alten Winzer von Boca. Über achtzigjährig, eigenwillig, erfahren und mit Weinen im Keller, die bewiesen, dass diese Gegend nicht nur Vergangenheit hatte, sondern eine Zukunft verdient.
Die Begegnung mit Cerri war entscheidend. Seine alten Reben, seine Weine und sein Keller zeigten, was Boca sein kann: Nebbiolo, hier traditionell Spanna genannt, zusammen mit Vespolina und anderen lokalen Sorten, gewachsen auf roten, vulkanischen Porphyrböden. Keine Weine der Schwere, sondern Weine mit Duft, Spannung, Würze, Säure, Tannin und einer eigenartigen, fast wilden Eleganz.
1998 entstand daraus Le Piane. Christoph und Alexander Trolf kauften Cerris kleine Parzelle «Campo alle Piane» und den alten Keller. Alexander starb leider noch im selben Jahr. Damit blieb Christoph nicht nur mit einer Idee zurück, sondern mit einer Verantwortung. Boca sollte nicht mit Antonio Cerri verschwinden.
Was danach kam, war keine romantische Winzergeschichte mit hübschem Anfang und schnellem Erfolg. Es war Rodung, Wiederaufbau, Neupflanzung, Renovation, Geldsorgen, Geduld und sehr viel Handarbeit. Aus Wald mussten wieder Rebberge werden. Aus alten Ideen wieder Weine. Und aus einer fast vergessenen DOC wieder ein Ort, über den man international spricht.
Reben statt Wildnis
Nach einer langen Investitionsphase mit Rodung von Wäldern, Neuanpflanzung von Rebbergen und der Renovation des alten Kellers von Antonio Cerri entstand Schritt für Schritt ein Weingut mit eigener Stimme. Heute gilt Le Piane als einer der Betriebe, die das Alto Piemonte wieder sichtbar gemacht haben.
Die Rebberge liegen hoch, oft zwischen etwa 420 und 520 Metern, mit alpinem Einfluss und kühlen Nächten. Die Böden sind von vulkanischem Porphyr geprägt, oft rötlich, steinig und karg. Das ergibt Weine, die nicht fett werden, sondern Spannung behalten. Genau diese Mischung aus Nordlage, Säure, Würze und Mineralität macht Boca so anders als Barolo oder Barbaresco.
Im Zentrum steht der Boca DOC: meist Nebbiolo mit Vespolina. Vespolina bringt Würze, Pfeffer, Säure und eine eigene Aromatik, die dem Nebbiolo hier nicht im Weg steht, sondern ihn schärfer zeichnet. Der Wein reift lange, traditionell in grossen Fässern, und braucht Geduld. Junge Flaschen können streng wirken, ältere werden duftig, tief, balsamisch und sehr fein.
Doch Le Piane ist nicht nur Boca. Der Wein «Piane» zeigt die alte Croatina von hochgelegenen, sehr alten Rebbergen. Diese Traube wird oft unterschätzt, doch hier erreicht sie eine Dichte und Tiefe, die an Brombeeren, Preiselbeeren, Leder, Tabak und dunkle Würze erinnert. Kein modischer Wein, sondern ein Stück alter Nordpiemonteser Eigenart.
Der «Mimmo» ist Christophs Hommage an Mimmo und an die alten gemischten Rebberge. Er entsteht aus verschiedenen lokalen Sorten wie Nebbiolo, Croatina und Vespolina und zeigt Boca zugänglicher, fruchtiger und direkter. Ein Wein, der nicht klein ist, nur weil er nicht der grosse Boca sein will.
Handarbeit, Selektion und Geduld
Le Piane arbeitet nicht mit Rezepten, sondern mit Aufmerksamkeit. Die Trauben werden im Rebberg streng selektioniert. Nur gesunde, saubere Trauben kommen in kleinen Kisten in den Keller. Diese Genauigkeit erlaubt eine möglichst natürliche Vinifikation: spontane Gärung, wenig Eingriffe und ein Ausbau, der den Wein nicht schminken soll.
Das Ziel sind Weine mit Charakter, Wiedererkennbarkeit, Konzentration und gleichzeitig Eleganz. Nicht maximal dunkel, nicht maximal laut, sondern langlebig, vielschichtig und dem Ort verpflichtet. Genau das macht sie heute so gesucht.
Wer mit Christoph durch die Lagen geht, versteht schnell, dass Boca kein einfacher Ort ist. Die Parzellen sind verstreut, die Hänge steil, der Wald nahe. Alles wirkt ein bisschen widerständig. Aber gerade daraus kommt die Kraft von Le Piane: Weine, die nicht aus einem perfekten Prospekt stammen, sondern aus einem Gebiet, das sich lange gewehrt hat, vergessen zu werden.
Heute ist Le Piane international anerkannt. Sommeliers, Händler und Liebhaber sprechen von einem Kultweingut des Alto Piemonte. Das ist schön, aber fast nebensächlich. Wichtiger ist, dass Boca wieder lebt. Antonio Cerri hatte einst die Vergangenheit bewahrt. Christoph hat daraus Zukunft gemacht.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte von Le Piane: Ein Schweizer, ein österreichischer Freund, ein alter Winzer aus Boca, ein verlassener Keller, ein halber Hektar Reben und die ziemlich verrückte Idee, ein fast vergessenes Weinland wieder ernst zu nehmen. Zum Glück war sie verrückt genug.


Antonio Cerri war einer der letzten alten Winzer von Boca. Seine Reben, seine Weine und sein Keller wurden zum Anfang von Le Piane.
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